2 ½ Monate in Togo (19.07. - 25.09.2010)
Warum Togo?
Für die Zeit zwischen Abitur und Studium suchte ich nach einer Möglichkeit, in einem sinnvollen Einsatz mein Französisch zu verbessern. Im Internet habe ich die Organisation Global-Volunteers(.de) gefunden, die verschiedene Auslandsaufenthalte, in verschiedenen Ländern zu beliebigen Zeitabschnitten anbietet. Eigentlich wollte ich nur nach Frankreich. Nachdem es aber schwierig war etwas in Frankreich zu finden, bin ich auch auf afrikanische Länder aufmerksam geworden. Anfangs hatte ich zwar Angst vor Krankheiten wie Malaria oder vor irgendwelchen giftigen Tieren. Dennoch hat es mich gereizt, eine ganz andere Kultur kennenzulernen und Europa einmal zu verlassen. Und so habe ich mir einen Ruck gegeben und mich für einen Freiwilligendienst in Togo entschieden. Ich habe mich gefreut, dass meine Bewerbung angenommen und ich in einem Waisenhaus und in einer Schule eingeteilt wurde.
Ankunft im Waisenhaus, Einleben
Nach einer verspäteten Ankunft am Flughafen, werde ich von Richard, dem Chef der afrikanischen Organisation "Terre d'Espoir Afrique" abgeholt. Mit der Frage: "Ca va? Un peu ou bien?" werde ich herzlich empfangen. Es ist schon halb zehn und dunkel. Es geht los mit einer typisch afrikanischen Taxifahrt. Der Fahrer schreit solange "Atakpame Atakpame…!" bis das Auto voll ist (voll heißt in Afrika bald das Doppelte der eigentlichen Sitzplätze). Als ich am Waisenhaus ankomme, werden mir die Leiter vorgestellt und dann gehe ich auch schon todmüde ins Bett. Am nächsten Morgen gehe ich gleich hinaus um zu erkunden, wo ich denn überhaupt gelandet bin. Da ist ein Hof mit ein paar Ziegen und Hühnern, ein Gebäude, das mehr einer Ruine gleicht, ein Brunnen und eine Feuerstelle als Küche. Und dann schaut mich eine Schar von ca. 40 Kindern mit großen Augen an. Am Anfang weiß ich gar nicht was tun und frage einmal vorsichtig"Wie geht's? Wie heißt ihr? Was macht ihr denn, spielt ihr etwas?" Aber alle Kinder sind total schüchtern und gucken mich nur an.
Doch bald knüpfe ich die ersten Kontakte mit den Kindern. Schnell habe ich gemerkt, dass Waisenhaus in Togo anders verstanden wird, als bei uns. Waisenhaus heißt hier, die Kinder bekommen ein Dach unter dem sie schlafen können und etwas zu essen. Wobei sie keine Betten haben, sondern auf dem nackten Betonboden schlafen und zum Essen gibt es jeden Tag, zu jeder Mahlzeit "la pâte" (ein Brei aus Wasser und Maismehl) oder Reis. Bezugspersonen haben die Kinder hier nicht. Der Leiter und auch der 2. Mitarbeiter des Waisenhauses waren kaum bei den Kindern. Und so freuen sich die Kinder, wenn man mit ihnen spielt, sich für sie interessiert, wenn man merkt dass sie krank sind und sich um sie kümmert oder Wunden verarztet. Ich werde sicher nie vergessen wie ein Kind zu mir sagt: "Du hast von deinem Essen abgegeben, du hast mir zu trinken gegeben, du hast mich kalt gewaschen als ich Fieber hatte, du hast mir Medizin gegeben und mich getröstet! Du bist mein Freund!". Auch werde ich nie vergessen, wie wir gebrauchte Kleider, die von zwei weiteren Freiwilligen mitgebracht wurden verteilt haben. Den Kindern wurden die Augen verbunden und sie sollten die Zahl erraten, die angezeigt wurde. Wenn sie richtig geraten haben, bekamen sie ein Kleidungsstück. Ein Junge, der gewöhnlich humpelt, gewann eine Hose und hat sich so gefreut, dass er angefangen hat zu tanzen, obwohl er eigentlich schon kaum laufen konnte und zu lachen bis die Tränen kamen. Er lag am Schluss glücklich, die Hose küssend am Boden.
Für die Kinder bedeutet es unheimlich viel "Jovos" in ihrem Waisenhaus zu haben. Sie möchten immer, dass man sich hinsetzt, wischen vorher den Stuhl ab, möchten dass man in den Schatten geht und können kaum glauben, dass Weiße auch putzen können. Auf der Straße wird einem "Jovo Jovo! Bonne arrivé! Ca va bien? Merci!" zugerufen und manchmal umarmen einen fremde Kinder. So bekommt man hier also oft eine "Sonderbehandlung".
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Manchmal kann man auch kaum glauben, wie fröhlich die Kinder im Waisenhaus sind wenn man kommt, trotz der großen Armut in der sie leben. Dennoch gibt es Tage, an denen man merkt, dass es den Kindern auch einmal nicht gut geht und an denen sie lustlos im Eck sitzen und gar nichts tun wollen. Oft sagen sie "Le riz est fini." (Der Reis ist leer.). Mit den anderen Freiwilligen zusammen haben wir dann ab und zu Reis, Bananen oder Brot gekauft. Wobei wir später festgestellt haben, dass der Reis gar nicht leer ist. Oder sie sagen, sie hätten nichts zum Mittagessen gehabt, hatten aber eigentlich sehr wohl zu Mittag gegessen. Die Kinder fragen auch "Bekomme ich die Uhr, das Handtuch, das Handy, den Foto usw." und durchwühlen die Taschen im Zimmer. Am Anfang ist es wirklich schwer damit umzugehen. Man glaubt manchmal, die Kinder mögen "Jovos" (Weiße) einfach gern, weil sie sich Geschenke oder Geld erhoffen. Aber ich habe bald verstanden, dass das einfach ihre Kultur ist. Ich musste mir oft bewusst machen, dass sie keinerlei Bezugspersonen haben und es nicht nur das materielle Problem im Waisenhaus gibt. Als ich mich mit ihrer Kultur und meiner "Sonderbehandlung" näher auseinandergesetzt und sie akzeptiert habe, war auch der Umgang unverkrampfter und einfacher. Dadurch habe ich mich gut eingelebt.
Aktionen
Durch die entstandenen guten Kontakte zu den Togolesen waren jetzt auch verschiedene Aktionen möglich: Mit den anderen Freiwilligen haben wir Matten zum Schlafen gekauft, Netze gegen die Mücken ans Fenster angebracht, Kleider verschenkt und für die Kinder manchmal etwas zu Essen gekauft. Gemeinsam mit Richard, seinem Assistent und anderen Freiwilligen haben wir das Gebäude neu gestrichen. Auch hier darf man nicht europäische Erwartungen haben. Am Anfang waren wir sehr enttäuscht, weil wir mehr Wasser als Farbe gestrichen haben. Aber das Ergebnis war dann doch eine Befriedigung für alle, vor allem für die Kinder. Geplant war auch ein Aids-Test, dafür war es aber leider schon zu spät.
Insgesamt habe ich mich geärgert, dass ich nicht mehr Geschenke mitgebracht habe. Für alle die einen Freiwilligeneinsatz im Waisenhaus vorhaben: Die Kinder freuen sich über Bälle, Spiele, Kleider, Schuhe, Süßigkeiten, Hefte und Stifte. Dennoch ist es wirklich schwierig, wirklich nachhaltig zu helfen. Leider kann man hier als einzelner Schüler oder Student meist nur kleine Dinge verändern und den Kindern kleine Freuden und Abwechslung schenken.
Umzug in eine Gastfamilie
Nach der Abreise der beiden anderen Freiwilligen bekam ich das Angebot, in eine Gastfamilie umzuziehen. Ich hatte zwar Bedenken, ob die Kinder das verstehen würden, habe mich letztendlich aber doch für den Umzug entschieden. Die Aktion lief recht chaotisch ab: Richard hat nicht den wirklichen Grund im Waisenhaus genannt (das hätten sie nie verstanden). Aber auch die genannten Gründe haben sie anfangs nicht nachvollziehen können. Es wurde zwar viel diskutiert, aber dann letztendlich einfach das Bett und die Sachen abgebaut. Ich war am Anfang kurz schockiert, wie das alles ablief, aber dann war mir wieder klar: Diese Art und Weise ist wieder "typisch Afrika". Damit habe ich diese Erlebnisse ganz und gar nicht als negativ empfunden, sondern als Bereicherung. Ich habe hautnah die afrikanische Kultur kennengelernt und miterlebt, wie Afrikaner Probleme angehen und wie sie denken. Richard hat wohl selbst gemerkt, dass es schwierig ist, Freiwillige direkt in der Einrichtung unterzubringen.
In der Gastfamilie habe ich mich schnell eingelebt und wohlgefühlt. Dort hatte ich etwas Zeit für mich, ab und zu ein bisschen Ruhe und ich konnte das afrikanische Familienleben gut kennenlernen. An Wochenenden waren nun auch ein paar Ausflüge möglich, um das Land und die Kultur zu erkunden. Der Umzug war also die richtige Entscheidung und auch die Kinder im Waisenhaus gewöhnten sich bald daran. Meine Gastfamilie, das war: Die Gastmutter Honorine, der Vater Cyrille und die zwei Töchter Annick und Moranne mit 17 und 19 Jahren. Richard hat mir später erklärt, dass die Familie schon eine große Krise hinter sich hatte. In Togo ist man nicht gut angesehen, wenn man nur Töchter und keine Söhne hat, denn Söhne vertreten die Familie. Honorine konnte jedoch keine Kinder mehr bekommen. Sie und ihr Mann waren aber noch nicht kirchlich verheiratet. Das heißt Honorine musste Angst haben, dass ihr Mann polygam wird, um noch Söhne zu zeugen. Polygamie ist in Togo weit verbreitet und meiner Meinung nach auch ein großes Problem. Viele Kinder im Waisenhaus hatten noch Eltern und wurden weggegeben, weil die Väter die vielen Kinder nicht mehr unterhalten konnten.
Schule, Unterricht, Ferienkurse
Morgens habe ich in der Schule in Hiheatro Englisch unterrichtet. Auch hier gab es für mich ungewöhnliche Sitten. Die Kinder waren verträumt und taten einfach oft nicht was man ihnen gesagt hat. Nicht so wie in Deutschland, nein. Man konnte zehnmal sagen "Ihr übersetzt jetzt ins Heft!" und es passierte nichts..jpg)
Oft beklagten sie sich, dass sie müde oder krank wären und fanden immer Ausreden. Aber auch hier habe ich bald verstanden, dass das ihre Kultur ist und habe viel für meinen späteren Lehrerberuf gelernt. Am Schluss meines Einsatzes hatte ich oft aufmerksame, stille Klassen und war selbst überrascht, wie ich das schaffte. Denn die togolesischen Lehrer schlagen die Kinder mit dem Stock, wenn sie nicht gehorchen. Wenn ich sagte, ich schlage nicht, fanden die Kinder das ganz komisch, und trotzdem waren sie dann meistens aufmerksam.
Zurück in Deutschland
Insgesamt bin ich froh über die Zeit in Togo und bedanke mich hiermit bei Global-Volunteers! Es waren viele wertvolle, bleibende Erfahrungen. Meine Wünsche, eine völlig neue Kultur kennenzulernen wurden wirklich voll erfüllt. Es ist eine völlig andere Welt in Afrika, die sich nur der vorstellen kann, der sie tatsächlich miterlebt hat. Wenn man erst vor Ort ist, vergisst man alle Ängste, die man zu Hause noch gehegt hatte. Der Aufenthalt prägt auch nach meiner Rückkehr noch mein Denken. Ich schätze viel mehr alltägliche Dinge, wie z.B. Essen, Trinken, ein Bett, ein Haus, eine Familie, Freunde, fließend Wasser, … und ich hoffe, dass ich das nicht so schnell wieder vergesse. Dennoch denke ich noch oft an die Zeit und wäre gerne noch in Togo. Zum einen, weil ich weiß, dass die Kinder im Waisenhaus vieles, für mich selbstverständliches nicht haben. Mein Beitrag war sicher nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Andererseits habe ich die Kultur, trotz ihrer harten Seiten, lieben gelernt und habe die Landschaft in Togo jeden Tag genossen. Zum Schluss fiel mir die Abreise schwer und mir ist klar: Ich muss eines Tages wieder nach Togo! Ich kann jedem nur einen Freiwilligendienst empfehlen, um solche Erfahrungen zu machen. Auch wenn es wirklich schwierig ist, dort nachhaltig zu helfen und etwas zu verändern, kann auch schon jede kleine Hilfe im Waisenhaus gebraucht werden! Die Kinder freuen sich über jeden!
Gerne stehe ich für Fragen zur Verfügung!
Rebekka Schädel, (rebekkaschaedel@gmx.de)